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Cem Özdemir im Interview

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen und Buchautor, berichtete von seinen guten, aber auch schlechten Erfahrungen als Deutsch-Türke. Er gab einen Einblick, welchen steinigen Weg er bis heute gemeistert hat, was Jugendliche mit Migrationshintergrund von ihm lernen können und von den kulturellen Einflüssen auf die Wahl des Brotaufstrichs.

BQM:  Gratulation zur Wahl des Bundesvorsitzenden und zu Ihrem interessanten Buch "Die Türkei"!

Özdemir:  Herzlichen Dank. Danke sehr.

BQM:  In Ihrem Buch mit dem Titel "Die Türkei" haben Sie geschildert, dass Sie immer zwei Gläser Nutella mit auf die Reise in die Türkei genommen haben. Was hätten Sie denn ohne Ihr geliebtes Nutella aufs Brot geschmiert?

Özdemir:  Oh, dass weiß ich jetzt nicht mehr. Heute wäre es wohl anstatt Nutella wahrscheinlich eher die Naturkostvariante davon. Natürlich habe ich zu Hause auch türkische Küche gehabt. Aber wenn man eben in Deutschland aufwächst, dann haben sich die Geschmacksnerven auch ein bisschen angepasst, an das, was es in Deutschland gab und was Gleichaltrige damals gegessen haben. Ist ja logisch, Nutella gehörte dazu. Ich habe natürlich auch das gegessen, was ich dort vorfand.

BQM:  Nicht zuletzt seit Ihrem Bundesvorsitz bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen sind Sie ein sogenannter "Vorzeige-Türke". Wie ist das für Sie? Nervt Sie das manchmal?

Özdemir:  Also ich empfinde mich nicht als Vorzeige-Türke, ich bin wenn schon der Vorzeige- Bundesvorsitzende der Grünen. Es ist auch kein Zufall, dass ich in meiner Rede auf dem Bundesparteitag in Erfurt das Thema Integration mit keinem Wort erwähnt habe, sondern über die Themen gesprochen habe, die im Zentrum stehen werden. Aber natürlich ist auch klar, jemand der Cem Özdemir heißt und nicht Hans, Gustav oder Detlef, wie man als guter Deutscher heißt, der wird immer auch mit dem Thema in Verbindung gebracht werden. Das ist auch nicht schlimm, damit habe ich auch gar kein Problem, aber Cem Özdemir steht auch noch für ein paar andere Themen.

BQM:  Sind Sie am Ziel Ihrer Träume angekommen? Was war Ihr Berufswunsch?

Özdemir:  Franz Müntefering sagt immer, SPD-Parteivorsitzender sei das zweitschönste Amt nach Papst. Das kann ich nicht beurteilen. Ich komme aus einer muslimischen Familie, insofern kenne ich mich mit dem Vatikan nicht so aus. Ich würde jetzt aber auch nicht sagen, dass es das zweitschönste Amt nach dem Großmufti oder Kalifen ist. Es ist ein spannender Job, in einer spannenden Partei Vorsitzender zu sein. Es ist ein aufregender Job. Bis jetzt fühle ich mich sehr wohl und freue mich auf die Auseinandersetzungen, die jetzt vor uns liegen. Ich habe den Anspruch, dass ich zum Erfolg der Grünen beitrage und das Profil der Grünen auch maßgeblich mitprägen möchte.

BQM:  War das Ihr Berufswunsch?

Özdemir:  Als ich geboren wurde, hatte ich nicht die Ambition eines Tages mal Vorsitzender der Grünen zu werden. Die Grünen gab es damals noch nicht. Aber ich bin mit ganzer Seele und ganzem Herz bei den Grünen. Mit 15 bin ich bereits bei den Grünen eingetreten und bis heute dabei. Insofern ist es Teil meiner Biographie. Ich hänge an dem Laden und bin Überzeugungstäter. Als ich in das Europa-Parlament gegangen bin, hatte ich nicht vor, Bundesvorsitzender zu werden. Ich habe am Anfang sogar ein bisschen abgewehrt und war eher vorsichtig, weil es doch ein Job mit großer Verantwortung ist - was man sich gut überlegen muss. Aber nachdem ich mir zu Hause das Okay geholt und auch das Signal aus der Partei bekommen habe - aus der Breite der Partei – dass ich dort unterstützt und getragen werde, hat es mich auch sehr gereizt. Und ich will auch nicht verhehlen, dass ich auch ein Quäntchen Stolz habe, diesen Job bekommen zu haben. Denn es ist ein Job in einer Partei, die in den letzten Jahren in Deutschland vieles angestoßen und vieles verändert hat.

BQM:  Mit Blick auf die Ergebnisse der letzten PISA-Studie eine Frage: Wie waren sie in der Schule?

Özdemir:  Uhh, also ich bin in der Frage sicherlich alles Andere als ein Vorbild. Ich hatte in Deutsch bis zur vierten Klasse eine Fünf. Ich glaube, die Aufsätze und Diktate werden immer nach ein paar Jahren vernichtet. Das ist in meinem Fall ganz gut so. Bei uns in der Schulklasse gab es neben mir noch einen portugiesischen Jungen. Wir waren die zwei Migranten, denen es darum ging, wer von beiden der Schlechtere war. Nach dem Motto: Wenn du schon nicht der Beste bist, dann wenigstens der Schlechteste - Hauptsache nicht in der Mitte. In der fünften Klasse war ich in der Hauptschule. Danach habe ich über die Mittlere Reife, also den Realschulabschluss, eine Berufsausbildung als Erzieher gemacht und dann über den zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife und Sozialpädagogik studiert. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es sich lohnt, wenn man nicht den direkten Weg geht und einem nicht alles in den Schoß gelegt wird, trotzdem die Ärmel hochzukrempeln und sich anzustrengen.

BQM:  Welche Situation hat Sie am schlimmsten an Ihren Migrationshintergrund erinnert?

Özdemir:  Wenn ich an früher denke, war es sicherlich die Erfahrung, die wir beim Schüleraustausch gemacht haben in England. Außer dass bei uns zu Hause türkisch gesprochen wurde und ein paar Sachen anders waren, fühlte ich mich als Teil meiner Schulklasse und habe mich im Vergleich mit meinen Freunden nicht unterschiedlich behandelt gefühlt. Aber das änderte sich, bei der Durchfahrt durch Belgien, als ich den Zug verlassen musste, weil ich kein Durchreisevisum besaß. Ich hätte die Rückreise antreten müssen, wenn sich meine Lehrerin nicht so massiv für mich eingesetzt hätte, und die Beamten quasi beide Augen zugedrückt hätten und mir nachträglich ein Durchreisevisum ausstellten. Das war eine Erfahrung für mich, die sehr prägend war. Denn ich hatte mitbekommen, dass alleine Deutsch- bzw. Schwäbisch-Kenntnisse und der Wille sich einzubringen nicht genügen, um dazuzugehören, sondern dass der Status auch eine wichtige Rolle spielt.

BQM:  Was nehmen Sie aus Ihrem türkischen Hintergrund mit? Was zeichnet Sie besonders aus?

Özdemir:  Naja, da geht es natürlich auch immer viel um Klischees: Was ist typisch türkisch? Was ist typisch deutsch? Meine Mutter kommt aus der Großstadt Istanbul; mein Vater kommt aus dem ländlichen Raum. Ich habe die Multikulturalität quasi schon im Elternhaus. Wer ist jetzt türkischer? Meine Mutter oder mein Vater? Mit welchem Recht kann ich hier Noten vergeben? Dann bin ich im schwäbischen Bad Urach aufgewachsen, wo der schwäbische Neu-Pietismus im Protestantismus eine wichtige Rolle spielt. Danach war ich lange Zeit im Rheinland, in Bonn, als der Bundestag dort war. Jetzt wohne ich in Berlin und als Europaabgeordneter habe ich es oft mit Brüssel und Straßburg zu tun. Wir sehen, welche Unterschiede es bereits hierzulande gibt. Ohne dass ich zu sehr in die Klischees zurückfallen will, natürlich gibt es ein paar Eigenschaften an mir, die ich wohl mit meinen 42 Jahren nicht mehr ändern werde. Dazu gehört, dass ich zu Hause immer die Schuhe ausziehe, es geht bei mir sogar so weit, dass ich bei langen Zugfahrten auch immer die Schuhe ausziehen muss. Das saugt man mit der Muttermilch auf und das ändert sich dann auch nicht. Wenn ich mit Freunden essen gehe, dann teilt man sich das auch nicht irgendwie auf, sondern dann zahlt mal der Eine mal der Andere. Das sind Verhaltensweisen, die habe ich eher aus der Kultur meiner Eltern übernommen. Auf der anderen Seite, bin ich jemand, der sich mit bestimmten anderen Dingen sehr schwer tut. Im Türkischen ist es sehr beliebt, wenn man eine Frage hat oder man mit jemandem etwas vereinbaren möchte, dass man dann sehr schnell sagt: „Ja, ja kein Problem, geht in Ordnung“. Aber dieses „Geht-in-Ordnung“ muss nicht zwingend heißen, dass man sich auch daran gebunden fühlt, es auch möglichst zeitnah zu machen. An diesem Punkt bin ich dann wahrscheinlich zu sehr Deutscher: Ich gehe immer davon aus, wenn man mir sagt: „Es geht in Ordnung“, dann geht es gefälligst in Ordnung. Denn bei mir geht es auch in Ordnung, wenn ich das sage.

BQM:  Gibt es etwas, was Sie Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit auf den Weg geben wollen, die noch in der Schule sind und vor dem Übergang zwischen Schule und Beruf stehen?

Özdemir:  Also, das Wichtigste ist, dass man sich nie aufgibt. Mir hat man es ja auch nicht immer leicht gemacht und ich habe es mir selber auch nicht immer leicht gemacht. Es gilt einfach, dass man immer das Beste aus seinem Leben macht. Sich auch anstrengt, nicht darauf hofft, dass andere für einen die Kohlen aus dem Feuer holen, sondern sein Bestes gibt und auf andere schaut und sagt: „Was die können, kann ich schon längst“. Ansonsten gilt die Parole von Ali G.: „Keep it Real“.

BQM:  Herzlichen Dank!




Das Projekt wird aus dem Europäischen Sozialfonds ESF und von der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert.


Medien und BQM
Hörfunk icon NDR Info: Gesucht: jung, mehrsprachig, Migrationshintergrund, Aug. 2011

Hörfunk icon NDR Info, Redezeit: Immer noch fremd?, Aug. 2011

Video icon NOWO1, JobsKompakt: Job-Kontakt, Aug. 2011

Hörfunk icon Deutschlandradio Kultur: Jenseits von Schema F, Mai 2011

video icon NOWO1, JobsKompakt Nord: Endlich Anerkennung, Mai 2011

video icon Hamburg 1: Oriental Nights, Feb. 2011

video icon NOWO1: Die Fachkräfte von morgen, Feb. 2011


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