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"Nicht als Opfer dastehen"

Islamwissenschaftlerin Dr. Irmgard Schrand im Interview


BQM: Frau Dr. Schrand, Herr Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat auf der Basis von Interviews die These aufgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltbereitschaft gibt. Wie ist Ihre Einschätzung der Studie?

Dr. Schrand: Ich habe die Studie bislang nur quer lesen können und bin beeindruckt vom Umfang der erhobenen Daten. Meines Wissens handelt es sich um eine Schülerbefragung und um Selbsteinschätzungen von Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Die Angaben beziehen sich auf Jugendliche mit muslimischem Migrationshintergrund, also nicht auf Jugendliche in der islamischen Welt. Die Jugendlichen haben, soweit ich sehe, selber Angaben zu ihrer religiösen Einstellung gemacht. Ob sie tatsächlich täglich in einer Moschee beten, sich nicht nur in religiösen Fragen, sondern auch in Fragen des täglichen Lebens Rat bei Imamen holen, ist unklar. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, dass das eher ungewöhnlich wäre.

BQM: Warum wäre das ungewöhnlich?

Dr. Schrand: Viele Jugendliche haben eher Distanz zu den Imamen in den islamischen Gemeinden, weil die meisten Imame wenig Erfahrung mit der deutschen Gesellschaft haben. Wie kann ein Imam, der nicht in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, einen Jugendlichen in punkto Konfliktlösung auf dem Schulhof beraten? Ganz generell sind Jugenddelinquenz, mangelnder Respekt vor Autoritäten, Unhöflichkeit und Unbotmäßigkeit, Lügen, Stehlen und Schlägereien in allen Religionen geächtet. Wahrscheinlich ist, dass die Jugendlichen angeben, gute Muslime und besonders religiös zu sein, um sich abzuheben. Sie geben an, besonders gewaltbereit zu sein, um nicht als Opfer dazustehen.

BQM: Das heißt, Sie können in ihrer Arbeit keinen Zusammenhang zwischen Glauben und Gewaltbereitschaft ausmachen?

Dr. Schrand: Ich arbeite in einem sehr speziellen Feld, nämlich der Prävention von islamistischem Extremismus. Unser Team unterhält vielfältige Kontakte zu islamischen Gemeinden und zum Schura-Rat in Hamburg (Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V., Anm. der Redaktion), weil die islamischen Gemeinden wichtige Verbündete sind. Die monotheistischen Religionen sind sich im Kern sehr ähnlich und unter den Anhängern jeder Religion gibt es Menschen, die Gewaltanwendung religiös rechtfertigen. Bestimmte Vorstellungen wie die erwartete Endzeit, der heilige Boden, der verteidigt werden muss, die Durchsetzung der göttlichen Ordnung etc. sind verwandt. Wenn seit der Jahrtausendwende vor allem der Islam mit dem Gewaltthema assoziiert wird, hat das damit zu tun, dass die Anschläge islamistischer Terroristen die westliche Welt in Schrecken versetzt haben. Der Islamismus macht aus der Religion ein politisches Programm. Dabei hat die islamische Welt selbst ja schon viel länger unter bewaffneten Auseinandersetzungen und Anschlägen zu leiden – denken Sie etwa an Algerien.

BQM: Liegt aber nicht gerade wegen dieser bewaffneten Auseinandersetzungen der Gedanke nahe, dass Muslime gewaltbereiter sein könnten?

Dr. Schrand: Diese Auseinandersetzungen können nicht losgelöst von der Kolonialgeschichte und der modernen politischen Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten, dem Nord-Südgefälle und dem Konflikt zwischen Ost und West in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gesehen werden. Wir haben es in der Regel mit autoritären Regimen, einer gering ausgebildeten Zivilgesellschaft und schwachen sozialen Strukturen zu tun und mit einem mächtigen Repressionsapparat. So gesehen spielt Gewalt in den meisten Staaten der islamischen Welt natürlich eine Rolle, aber das hat nichts mit islamischer Religion oder Kultur zu tun. Genau so gut könnten wir über die Aspekte Militarismus und Nationalismus, die sehr viel stärker mit einem Männlichkeitskult verbunden sind, sprechen.

BQM: Und hier? Wenn Sie von den Erfahrungen der Hamburger Polizei ausgehen: Wovon hängt Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen aus Ihrer Sicht ab?

Dr. Schrand: Jeder Fall ist anders. Es ist sehr schwer generelle Aussagen zu treffen. Gewaltbereitschaft ist immer abhängig von einer Vielzahl von Faktoren. Das individuelle Aggressionspotenzial und die Affektkontrolle spielen eine Rolle, die Erziehung in der Familie, die Peer Group, das Sozialkapital der Jugendlichen, die Chancen, die ein Jugendlicher hat aufgrund seiner eigenen Fähigkeiten und seiner Umwelt, für sich Erfolge zu verbuchen und Anerkennung zu gewinnen. Aber auch eine unsichere Familiensituation, Eltern, die mit Statusverlust zu kämpfen haben, die den Rückhalt einer Großfamilie verloren haben, und ängstlich, möglicherweise auch aggressiv auf das Autonomiestreben ihrer Kinder reagieren, ein Umfeld, eine Peer Group, in der die Kontrolle über weibliche Familienmitglieder und die Abgrenzung zu „den“ Deutschen über traditionelle Moralvorstellungen den Status erhöht, sind Risikofaktoren. Herr Pfeiffer hat übrigens darauf hingewiesen, dass solche Moralvorstellungen keineswegs den Muslimen vorbehalten sind.

BQM: Es muss also in der Regel einiges zusammen kommen, bis Jugendliche – auch muslimische – gewalttätig werden.

Dr. Schrand: Diese Jugendlichen können sich noch nicht als Individuen begreifen, die selbst die Kontrolle und die Verantwortung für ihr Leben in die Hand nehmen können, weil sie zu viel – auch emotionaler – Unsicherheit ausgesetzt sind. In den Fällen von Beziehungsgewalt oder Gewalt in der Familie, mit denen ich mich in der Vergangenheit auseinandergesetzt habe, spielte eine religiöse Einstellung keine Rolle.

BQM: In den Medien wird der Islam dennoch oft kriminalisiert. Woran liegt das und wie kann auf ein Klima hingearbeitet werden, in dem Männern mit Bärten und schwarzen Haaren nicht automatisch unterstellt wird, sie seien tiefgläubige, irrationale Machos?

Dr. Schrand: Da sich auch das Vorurteil, dass blonde Frauen dumm, oberflächlich und typische Weibchen sind, hartnäckig hält, habe ich den Verdacht, dass Vorurteile leichter in die Welt kommen, als dass sie wieder verschwinden. Ein Mann kann tiefgläubig, aber weder irrational noch ein Macho sein, ebenso wie ein vollkommen rational erscheinender Mann sich darüber entlarvt, dass er eben ein absoluter Macho ist. Das sind Variationen über ein Thema. Wenn wir entspannt mit Differenzen umgehen könnten und uns immer wieder klar machen würden, dass es keinen Status Quo gibt, sondern dass gesellschaftliche Entwicklung ein unaufhaltsamer Prozess ist, der nur begrenzt beeinflussbar ist, aber von der Maxime einer Win-Win-Situation getragen sein sollte, gäbe es wenig sensationelle Meldungen.

BQM: Sind Journalisten also nicht objektiv genug?

Dr. Schrand: Eines der Probleme, auch der Medien ist, dass im Zeitalter der Informationsflut, die wenigsten Menschen, auch Journalisten, tatsächlich informiert sind und sich ein eigenes Bild von der Lage verschaffen. Die Bedrohungsszenarien, die von Organisation wie al-Qaida über die Medien verbreitet werden, sind die andere Seite der Medaille. Diesen Organisationen geht es ja darum, den Muslimen zu suggerieren, dass sie in ihrem Namen kämpfen und dass es einen Antagonismus zwischen „dem“ Westen und „den“ Muslimen gibt. Aus meiner Sicht wäre es klug, auf die Erklärungen zu reagieren und in eine Debatte einzusteigen, weil man damit dem irrationalen, bärtigen schwarzen Mann seine bedrohliche Aura nehmen würde. Natürlich gibt es den steten Appell an die Medien objektiv zu berichten. Wirklich verändern wird sich die Lage vermutlich erst, wenn nicht mehr ständig über „die“ Migranten berichtet wird, sondern immer mehr Menschen mit Migrationsgeschichte mit ihren eigenen unterschiedlichen Standpunkten und Lebensgeschichten eine Stimme bekommen und sich Gehör verschaffen.

BQM: Das bringt uns zum Thema Integration. Welche Rolle kann der Glaube in diesem Zusammenhang spielen?

Dr. Schrand: Aus meiner Sicht kann man nicht sagen, dass Religion an sich ein Integrationshindernis ist. Wenn ich mir die Vielzahl kleiner islamischer Gemeinden anschaue, die in Hamburg entstanden ist, ist offensichtlich, dass die Muslime sich ein Stück Heimat erhalten wollen. Dabei spielen die Gemeinden über die Vermittlung von Islam hinaus eine wichtige Rolle für den Erhalt der Muttersprachen zum Beispiel oder als geschützter Treffpunkt für Mütter und Kinder. Viele Migranten wünschen sich in diesen Gemeinden eine über den Islam hinausgehende Förderung ihrer Kinder zu finden, damit sie schulisch erfolgreich werden und in der deutschen Gesellschaft aufsteigen können. Das heißt sie wünschen sich, vom Inseldasein der Gemeinden wieder zurück auf das Festland der Gesamtgesellschaft zu kommen. Eine solche Selbstorganisation bedeutet immer auch, dass Menschen sich ihrer Probleme bewusst werden und zu Ansprechpartnern werden, die kollektive Anliegen vortragen können und gleichzeitig auch der Gesamtgesellschaft gegenüber Verantwortung tragen. Ein Austarieren von Forderungen auf beiden Seiten ist der ganz normale Prozess erfolgreicher Integration und dauert lange.

BQM: Frau Dr. Schrand, vielen Dank für das Interview!


Das Projekt wird aus dem Europäischen Sozialfonds ESF und von der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert.


Medien und BQM
Hörfunk icon NDR Info: Gesucht: jung, mehrsprachig, Migrationshintergrund, Aug. 2011

Hörfunk icon NDR Info, Redezeit: Immer noch fremd?, Aug. 2011

Video icon NOWO1, JobsKompakt: Job-Kontakt, Aug. 2011

Hörfunk icon Deutschlandradio Kultur: Jenseits von Schema F, Mai 2011

video icon NOWO1, JobsKompakt Nord: Endlich Anerkennung, Mai 2011

video icon Hamburg 1: Oriental Nights, Feb. 2011

video icon NOWO1: Die Fachkräfte von morgen, Feb. 2011


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